Aktionsbündnis freie Szene Bildende Kunst Mannheim 2013

Offener Brief                                Mannheim 08-2013

Sehr geehrter Herr Kulturbürgermeister Grötsch,

Sie planen, die Mannheimer Stadtgalerie in S4 bis Anfang 2015 aufzulösen und dafür eine privatwirtschaftlich geführte Verkaufsgalerie im neuen Kreativwirtschaftszentrum im Mannheimer Jungbusch einzurichten. Obwohl die Galerie also einen privaten Betreiber haben wird, soll sie zusätzlich mit städtischen Geldern gefördert werden.

Das ist unseres Erachtens ein kulturpolitisches Fiasko. Nicht nur stellt die finanzielle Förderung einer privat geführten Galerie eine beträchtliche Wettbewerbsverzerrung gegenüber anderen Galerien dar, sondern das ist im Besonderen auch für die Entfaltung der freien Kunstszene ein absoluter Rückschritt.

Zur Erinnerung: Vor drei Jahren haben hunderte Künstler/innen einen Forderungskatalog entwickelt und in Form einer öffentlichen Petition dafür gekämpft, dass sich die Situation für die Freie Szene deutlich verbessert.
Damals ging es neben mehr finanziellen Mitteln vor allem um die Forderung: Mehr Raum für die Kunst in Mannheim. Wir wollten mehr subventionierte Ateliers und Ausstellungsmöglichkeiten sowie eine Alternative zur Stadtgalerie in E5, die in den Rathausfluren nur äußerst eingeschränkte Ausstellungsmöglichkeiten bot. Letztendlich forderten wir einen Beauftragten für Bildende Kunst, als Bindeglied zwischen etablierten Kultureinrichtungen, Kulturverwaltung und der Freien Szene.

Nur wenige Monate später konnten wir erste Erfolge feiern. Der Kulturetat wurde deutlich erhöht, die Stadtgalerie in S4 eröffnet und deren hauptamtlich eingesetzter Leiter Benedikt Stegmayer wurde gleichzeitig Beauftragter für Bildende Kunst. Damit wurden zwar noch nicht alle, aber wesentliche Forderungen der Petition erfüllt und auf den Weg gebracht.

Gerade die neue Stadtgalerie in S4 bot in den umgebauten Räumlichkeiten einer ehemaligen Druckerei von Anfang an vielfältige attraktive Ausstellungen, vornehmlich auch der regionalen Kunstszene. Dabei hat sie auch einen besonderen Schwerpunkt auf Videokunst, Installationen und Performancekunst gelegt und hervorragend präsentiert. Das heißt, gerade die inzwischen zahlreichen Künstler/innen, die experimentell, mit Neuen Medien oder mit spröden Materialien oder Techniken arbeiten, fanden dort in den letzten Jahren ein professionell geführtes Forum.

Und damit soll jetzt Schluss sein?

Eine kommerziell ausgerichtete Galerie muss Gewinne machen. Sie ist quasi gezwungen, marktorientierte, verkäufliche Kunst zu präsentieren. Damit kommt nur ein sehr kleiner Teil der hiesigen Kunstlandschaft für diese Galerie infrage. Experimentell arbeitende Künstlerinnen, Installations-, Medien- und Performancekünstler/innen müssen draußen bleiben. Jeder, der sich mit Kunst ein wenig auskennt weiß: Marktorientierung und zeitgenössische künstlerische Produktion sind so gut wie unvereinbar.
Dazu kommt, dass ein großer Teil der in der Region verwurzelten Maler/innen, Fotograf-/innen etc. bereits von Galeristen vertreten werden, die im Übrigen bundesweit agieren, sich an internationalen Messen beteiligen oder überregional Ausstellungen für ihre Künstler/innen ausrichten. Es besteht zum einen also nicht mal ein nennenswerter Bedarf für eine solche Einrichtung, und andererseits ist eine ernsthafte Vermarktung mit der Eröffnung einer weiteren Galerie nicht getan. Um Kunst professionell und nachhaltig zu verkaufen, erfordert es oft Jahre, um eine/n Künstler/in aufzubauen, teure Messebeteiligungen und überregionale fortwährende Promotion. Alles andere ist ein künstlerischer Flohmarkt, der „schönen“ Wandschmuck feilbietet.

Dagegen lebt gerade die Freie Szene oft von unorthodoxen Formen, dem Sich-Ausprobieren, von couragierten Aktionen, dem freien Spiel mit künstlerischen Möglichkeiten. Unabhängig von Gefallen, Entzücken oder Verkäuflichkeit. Gerade im Widerspenstigen, Gegenläufigen oder Provokanten liegt der Humus für eine sich weiterentwickelnde Kunst und Kultur. Hier entstehen im besten Fall Konfrontationen mit Neuem und Überraschendem, die für Betrachter/innen anregend, inspirierend und nachhaltig wirksam werden können.

Kommerzielle Galerien sind ohne Zweifel wichtige Einrichtungen in unserer Kunstlandschaft, wie zum Beispiel Museen und Kunstvereine auch. Aber alle haben, jeder für sich, eine spezifische Aufgabenstellung entwickelt, die vom Kunstverkauf über -sammlung bis zur Präsentation etablierter Kunst reicht. Intelligente und nachhaltige Kunstförderung ist jedoch eine ganz andere Sache. Sie liegt jenseits des Kommerziellen und fängt da an, wo das noch nicht Etablierte, das vielleicht manchmal Unbequeme oder das jugendlich Ungestüme unterstützt wird.
Für diese wichtige Aufgabe braucht es auch weiterhin Räumlichkeiten wie die Stadtgalerie sowie einen Beauftragten für Bildende Kunst. Die Einrichtung einer solchen Stelle war Teil der Forderungen der Petition des Aktionsbündnisses, und nach wie vor sehen wir dies als notwendig für die Entwicklung der Bildenden Kunst in Mannheim an. Die Arbeit von Herrn Stegmayer fängt gerade an, ein positiveres Klima in die regionalen und überregionalen Netzwerken auszustrahlen, dies nun zu stoppen wäre das absolut falsche Signal.

Wir fordern sie deshalb nachdrücklich auf, Ihre Pläne zu überdenken und die Stadtgalerie in ihrer gegenwärtigen konzeptuellen Form zu belassen.


Mit besten Grüßen,

Aktionsbündnis Bildender Künstler Mannheim
Barbara Hindahl, Fritz Stier, Andreas Wolf

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